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10 Jahre Tinnitusprojekt – Praxis an der TH Ingolstadt

Zufällig entstand das Tinnitusprojekt /1/ in 2006 an der TH Ingolstadt beim Studieninfotag, als eine Besucherin der anechoischen Kabine für Funk- und Schallmessungen beim Verlassen bemerkte: „Mein Tinnitus ist weg“. Ebenso per Zufall ging es erst zwei Jahre später weiter, als weitere Besucher/erste Probanden mit langjährigem Tinnitus in wenigen Aufenthalten, nicht in der Kabine, sondern am nächsten Morgen rückmeldeten: sehr leise/nicht mehr wahrnehmbar. Die Stille der Kabine wirkt meist sehr entspannend auf Besucher/Probanden.

In der 2008 entstandenen – mittlerweile allgemeinen – Studie mit bislang insgesamt grob 3000 Einzelsitzungen sowie 600 Gruppenführungen a´1h mit ca. 10 Personen und 1000 Probanden liegt die Erfolgsquote bei einem überall wahrgenommen = globalen Hochton-/Pfeiff-/Rauschtinnitus grob bei 10%. Nur wenige Fälle hatten Erfolg in der Kabine oder beim Hinausgehen, die anderen nach einem Schlafzyklus und mehreren Sitzungen.

Neben dem global wahrgenommenen Tinnitus konnten auch eine Reihe „verrückter“ Fälle von rein lokal wahrgenommem Tinnitus und Mischformen aus lokal und globalem dauerhaft gelöst werden /2/. Das Geräuschspektrum umfasste Rauschen, Pfeiffen, Klirren, ganz selten im Mittentonbereich und auch Tiefton-/Brummwahrnehmung mit den Begleiterscheinungen Einschlaf-/Weiterschlafstörungen bis hin zu Schweißausbruch. Intensivster Fall ist eine Architektin, die alle 3-4 h für eine ¾ h in ein Alufolienzelt muss: Brummtonwahrnehmung mit Schweißausbruch etc..

Jedoch im Laufe des Tinnitusprojekts gab es erstaunlicher¬weise viele positive Rückmeldungen in ganz anderen Themengebieten, wie Arthrose, Asthma, Bronchien werden frei/leichteres Atmen, Allergien bis hin zu „Schübe beruhigen“ / „wieder laufen seit 8 Jahren nach 9 Monaten Rollstuhl“ - ohne Medikamente bei Multipler Sklerose/MS. Unbekannte, bis zu 15 Jahren währende Autoimmunthemen, die nach wenigen Aufenthalten über Jahre hinweg stabil ruhig sind – auch ein Schwerpunkt des Tinnitusprojekts. Faszinierend sind besonders Rückmeldungen, in denen sich beim ersten Besuch in der Kabine sich viel bewegt (Einmalkabineneffekte: z. B. Katzenhaar-/Sonnenallergie, starke Rückenschmerzen seit 15 Jahren..) oder simultan z. B. Arthrose am Knie und Asthma verbessern: Kribbeln+ Warmwerden+Schmerzen/Abhusten oder ein paar Fälle, die chronobiologisch reagieren: Sie müssen 1x/Jahr kommen: Brummton/Sonnenallergie oder „Schmerz-gedächtnisse“ zum Thema Geruch - bis 55 Jahre her.

Insbesondere die Erfolge bei MS führten zunächst zu Kabinen auf Seecontainerbasis, zunächst privat zuhause bei vielen Betroffenen/Begeisterten, bei Heilpraktikern und mittlerweile auch bei Umweltärzten/Spezialkliniken.

Das Thema Brummtonwahrnehmung kommt mehr und mehr. Manche sind gut weitergekommen oder - falls zurück¬gefallen - kennen nun einen weiteren Kanal, der dieses Brummen im Gehirn erzeugen kann. Nicht nur akustische Reize u.a. durch Luftwärmepumpen/Windräder, sondern auch elektromagnetische/durch Funk erzeugte Felder und ggf. auch Mischformen/Reizmuster, die das Gehirn/Nervensystem trainieren, kommen in Frage. Denn die Auszeit in funkreduzierten Kabinen kann diese Wahrnehmung verringern oder ganz verschwinden lassen.

Das „Einzugsgebiet“ wurde durch Probanden von Bremerhaven/Lingen/Hamburg/Rostock/Berlin erweitert, die viele Stunden Anfahrt auf sich nehmen, um in unsere EMV-Akustik-Kabine kommen zu können.

Eine Kollegin schickte ihre Mutter: Seit 3 Jahren Brennen im ganzen Gesicht, ohne Schwellung/Rötung. Nach einer Odys¬see mit Fragen auch nach Simulation/Psychopharmaka, wurde die Lage noch ernster: Die Augen hoch entzündet – UNI-Termin erst in 3 Monaten. Nach zwei Sitzungen glücklich - seit 3/4 Jahr stabil ruhig.

Die Bandbreite der positiven Rückmeldungen des spendenfinanzierten Tinnitusprojekts erweitert sich ständig. Es betrifft Auditives, Sensorisches, Schmerzzustände/Schmerzgedächtnis, das Gehirn/Nervensystem, das Atemsystem, das Hormonsystem sowie das Verdauungssystem und den Muskeltonus.

Ziel des weit interdisziplinären Tinnitusprojekts ist es, mithilfe vieler Probanden und Begeisterten, neue Anwendungsgebiete zu erschließen sowie die Vielfalt an Kabinenvarianten zu erweitern und Langzeiterfahrungen zu sammeln.

Kontakt:

Prof. Dr.-Ing. Josef Pöppel
Technische Hochschule Ingolstadt
E-Mail: josef.poeppel@thi.de
/1/ Forschungsbericht 2010: „Tinnitusprojekt“
/2/ „Das Tinnitusprojekt an der THI“
„Lärmbekämpfung“ 01/2015